Manche Bücher drängen sich nicht auf. Sie sind einfach da und warten. „Drei Tage im Schnee“ ist so ein Buch.
Es erzählt keine laute Geschichte, kein großes Drama. Stattdessen ist es zart und leise, fast so, als müsste man beim Lesen automatisch langsamer atmen. Ina Bhatter schenkt uns mit diesem Roman einen kleinen, stillen Raum – einen Ort, an dem man zur Ruhe kommt und sich selbst ein Stück näher.
Hannahs Rückzug in die winterliche Einsamkeit wirkt zunächst unspektakulär. Und genau darin liegt die Stärke dieses Buches. In der Stille, im Schnee, im Innehalten. Zwischen Terminen, Erwartungen und dem ständigen „höher, schneller, weiter“ beginnt Hannah, sich Fragen zu stellen, die viele von uns kennen – aber im Alltag gern beiseiteschieben. Ihre Treffen im Schnee mit der jungen Sophie tun da ihr übriges.
Besonders berührt haben mich die leisen Gedanken über das eigene Leben und die eigene Entwicklung. Etwa dort, wo Hannah sich fragt, was ihr jüngeres Ich über ihr heutiges Leben denken würde:
„Ich überlegte, was die kleine Hannah denken würde, wenn sie die große Hannah sehen könnte, und das Leben, das sie führte. Wäre sie stolz, motiviert, begeistert – oder eher ratlos?“ (S. 95)
Auch das Nachdenken über unser permanentes Streben nach „mehr“ hallte lange in mir nach:
„‚Mehr‘ war ein Fass ohne Boden. Das Problem an ‚mehr‘ war, dass es kein ‚genug‘ gab.“ (S. 142)
Und dann sind da noch die Bücher im Buch – diese Erinnerung daran, warum Lesen einmal so selbstverständlich wichtig war:
„Ich hatte Bücher geliebt, seit ich denken konnte. Ich hatte es nur vergessen.“ (S. 92)
„Drei Tage im Schnee“ ist kein Roman, den man verschlingt. Es ist ein Buch, das man begleitet. Vielleicht mit einem Heißgetränk, vielleicht mit Pausen zwischen den Seiten, vielleicht mit eigenen Gedanken, die sich leise dazwischen schieben und die man selbst kurz festhalten muss.
Ein Buch für alle, die sich nach Entschleunigung sehnen. Nach einem Moment des Stillwerdens. Nach einem sanften Erinnern daran, was wirklich zählt.
